Statement #17 | Marie-Andrée Pellerin — Speculative Keys

Performance, 18. Jänner 2022

Meine Lieblingstaste ist…
(Finger drückt den Buchstaben A.)
Sie werden plötzlich eine Ihnen völlig fremde Sprache verstehen.
Eine, die von einer anderen Spezies gesprochen wird.
A long time ago, while traveling through space, this species made a picnic break on your planet.
Their language didn’t have a word for ‘rubbish’, so they let theirs behind and left.
Ich habe irgendwo gehört, dass Sprache ein Virus aus dem Weltall ist.

Ausgehend von Science-Fiction-Geschichten, die von Frauen geschrieben wurden, steht das Video Une oreille gigantesque capable d’absorber tous les bruits du monde (2020) programmatisch für Marie-Andrée Pellerins Praxis. Die Künstlerin entwickelt ihre Bewegtbilder, Klanginstallationen und Performances häufig entlang sprachbezogener Themen sowie vor der Hypothese des sprachlichen Determinismus, demzufolge unsere Sprache das Denken formt und die Beziehung zur Realität prägt. Im Video zeigt Pellerin Bilder eines fiktiven klinischen Experiments, in dem eine Wissenschafterin versucht, den Sprachgebrauch ihrer Patientin durch die „Praxis der Sprachstörung“ radikal zu verändern. In dieser Montage aus Videofootage, 3D-Animationen, gesprochener und geschriebener Sprache sowie Soundexperimenten untersucht die Künstlerin die Funktionsweisen von Sprache jedoch nicht nur auf einer inhaltlichen Ebene, sondern schöpft auch die formalen Möglichkeiten des Videoformats aus. Dazu räumt sie etwa nonverbalen Informationen den Vorrang vor dem gesprochenen Text ein und erlaubt der Geräuschkulisse und den bewegten Bildern, die Art und Weise zu beeinflussen, wie die Untertitel erscheinen und wiederum mit dem Bild verschmelzen.

Die Performance Speculative Keys im Kunstraum Lakeside ist Teil eines langfristig angelegten Forschungsprojekts. Mit dem zweiteiligen Titel bezieht sich Marie-Andrée Pellerin sowohl auf Science-Fiction-Literatur, die versucht, spekulativ neue soziale Beziehungen zu entwickeln sowie kommunikative Handlungen zwischen anders-als-menschlichen Lebewesen zu praktizieren, als auch auf das Werkzeug der Performance, eine Computertastatur und ihre zweckentfremdeten und umfunktionierten Tasten. Der Untersuchungskorpus der Künstlerin besteht aus einer Sammlung von Science-Fiction-Geschichten, die unterschiedliche Umgangsformen mit unseren „sprachlichen Schwachstellen“ beschreiben. Einige Texte daraus schlagen vor, die Sprache, wie wir sie kennen, abzuschaffen, indem sie neue Kommunikationsformen einführen, die von einer erfundenen feministischen Sprache über Telepathie bis hin zu chemisch verkörperten Signalen reichen. Pellerin wählt Segmente dieser Science-Fiction-Geschichten aus, von denen einige speziell für dieses Projekt bei Science-Fiction-Autor*innen beauftragt wurden (Élisabeth Vonarburg, Monika Rinck), und verwandelt sie in neue Erzählungen und abstrakte Klänge. Die Klangqualität der Worte ist dabei für diese Kompositionen von zentraler Bedeutung.

In Zusammenarbeit mit einem Programmierer hat Pellerin einen Synthesizer aus einer alten Computertastatur entwickelt und selbst gebaut, der als Hauptwerkzeug der Performance Speculative Keys dient. Mit diesem Instrument spielt sie aufgenommene Stimmsegmente ab und komponiert Sequenzen und abstrakte Loops, die die Materialität der Stimmen reflektieren. Sie stellt Fragen danach, was anders sein hätte können, wenn Sprache ein fließenderes Gebilde wäre. Hätte sie uns in die Lage versetzt, das zu benennen, was noch zu benennen ist, den Stummen eine Stimme zu geben? „In einer alternativen utopischen Realität,“ so die Künstlerin über ihre eigene Spekulationen, „würde das Konzept der fließenden Sprache die Möglichkeit radikal anderer ‚Gesellschaftsentwürfe‘ und unerwarteter Konstellationen von Lebewesen bieten.“

Marie-Andrée Pellerin (* in Kanada) lebt und arbeitet in Linz.
www.marieapellerin.info

In Zusammenarbeit mit Pascale Tétrault (Programmierung)
Gefördert vom Art Council of Canada

 

Marie-Andrée Pellerin, Une oreille gigantesque capable d’absorber tous les bruits du monde, 2020