Ruben Aubrecht — & Maria Anwander

Eröffnung, 10. November 2020, 19 Uhr (abgesagt wegen COVID-19)
Ausstellung, 11. November – 12. Jänner 2021

Formen der Zusammenarbeit stehen für Maria Anwander und Ruben Aubrecht nicht nur in ihrem Atelieralltag zur Diskussion, wenn sie ein gemeinsames Kunstprojekt entwickeln und umsetzen. Formen der Zusammenarbeit, die Manifestationsformen, Potenziale und Konsequenzen der Kollaboration, werden von dem als Einzelkünstler*innen wie als Duo arbeitenden Paar auch wiederholt zum eigentlichen Thema ihres künstlerischen Handlungsfeldes gemacht: Wo hat ein Gedanke seinen Ursprung und wer bringt ihn mittels Initialzündung zur Detonation, damit sich daraus eine Idee entwickeln kann? Welche Mittel braucht es, um ein Stück weit gemeinsam zu gehen? Wie lässt sich die Idee von Zusammenarbeit auf gesellschaftliche Verhältnisse projizieren?

Während Maria Anwander sich in ihrem Solowerk häufig mit den Mechanismen, Regeln und Logiken des Kunstbetriebs auseinandersetzt, verhandelt Ruben Aubrecht in seinem Werk die medialen und technologischen Voraussetzungen und Bedingungen der aktuellen Kunstproduktion. In seiner Zusammenarbeit trifft sich das Paar schließlich in der Subversion. Um die aktuellen Verhältnisse der Kunstproduktion an der Schnittstelle von analogen und digitalen Lebenswelten sowie die von ihnen thematisierten Strukturen aber nicht nur um der Subversion willen zu unterwandern, sondern sie auch produktiv umzukehren, setzen Maria Anwander und Ruben Aubrecht häufig Ironie und Humor als Stilmittel für ihre Zwecke ein.

Für die Ausstellung im Kunstraum Lakeside nimmt das Paar die Idee von Zusammenarbeit geradezu wörtlich und rückt die teils willentliche, teils unbewusste Bezugnahme von Künstler*innen aufeinander, das gegenseitige Referenzieren, ins Zentrum des eigenen Schaffens. Ausgangspunkt sind bereits existierende Kunstwerke von Maria Anwander und Ruben Aubrecht, die nicht nur im Ausstellungsraum installiert, sondern die auch vom jeweiligen Gegenüber als Denkanstoß benutzt werden, um eine neue Arbeit daraus zu entwickeln und um das bestehende Werk neu zu interpretieren.

Vor dieser Folie bezieht sich Ruben Aubrecht in der Ausstellung & Maria Anwander auf eine Skulptur mit dem Titel Material for a sculpture that the artist decided better not to realize seiner Partnerin aus dem Jahr 2015. Dabei handelt es sich um einen auf dem Boden zerplatzen 25 kg schweren Sack Gips, der nicht nur durch seinen Titel, sondern vor allem durch die Beiläufigkeit seiner Präsentation den Eindruck vermittelt, als hätte es sich die Künstlerin während des Schaffensprozesses anders überlegt. Der Gipsstaub, der sich über den Boden ausbreitet und der zerrissene Papiersack stehen gleichermaßen für ein Potenzial, die Möglichkeit zum Kunstwerk, wie für das Kunstwerk selbst: Der Gips könnte benutzt worden sein oder benutzt werden, um ein eigenständiges Werk daraus anzufertigen, er könnte ebenso benutzt worden sein oder werden, um sich ein bestehendes Werk einer fremden KünstlerIn als Kopie anzueignen. Die an den Gips geknüpften Möglichkeiten jedoch, die sich jederzeit zu Wirklichkeiten entwickeln können, sind das eigentliche Werk.

Auch das Format der Ausstellung, die Art und Weise der Zusammenstellung der Werke im Kunstraum Lakeside sowie ihr Arrangement mit den vorhandenen Ausstellungsdisplays, entwickeln Maria Anwander und Ruben Aubrecht aus ihrer Kollaboration. Die gegenseitige Bezugnahme manifestiert sich nicht nur in zwei gespiegelten Werken, sondern auch in zwei parallel installierten und damit ebenso gespiegelten Schauen. Die Ausstellungen erlauben es den Besucher*innen einerseits, den jeweils referenzierten Kunstgegenstand mit dem Ergebnis der Bezugnahme in räumliche und konzeptuelle Verbindung zu bringen, und andererseits zwei räumlich wie konzeptuell eigenständige Ausstellungen parallel anzusehen. Ähnlich verhält es sich mit der Kommunikationsstrategie, die in der gedruckten Einladungskarte sowie im Zirkulieren im digitalen Raum auf den ersten Blick vorgibt, man hätte es mit zwei Schauen zu tun, die bei näherer Betrachtung und in allerletzter Konsequenz doch ein gemeinschaftliches Produkt sind. Die Namen Maria Anwander und Ruben Aubrecht beginnen regelrecht zu flirren, eine eindeutige Zuordnung von Werk und KünstlerIn sowie Ausstellung lässt sich kaum mehr vornehmen.

Eine Reihe weiterer, eigens für die Ausstellung – gemeinsam als Referenz auf die ursprünglichen Kunstwerke – entwickelter Arbeiten ergänzt den Parcours: darunter der großformatige, auf einem Gitter montierte Schriftzug This artwork was supposed to look completely different (2020), eine Soundarbeit mit dem Titel Untitled (a boring piece of art) (2020) sowie bestehende Werke wie Image Courtesy (2017), ein auf dem zentralen Fenster des Kunstraums angebrachtes Wasserzeichen, das alles Dahinterliegende zum Besitz von Anwander und Aubrecht macht. Der Beziehungsstatus zwischen Maria Anwander und Ruben Aubrecht – als eigenständig arbeitende Künstler*innen und Kolleg*innen, als temporäre Kollaborateur*innen, als Paar – wird mehr und mehr undurchsichtig und damit zum eigentlichen Thema der Ausstellung. Indem die zur Schau gestellten Werke eher als Prozesse einer (möglichen) Zusammenarbeit angelegt sind, als es sich um fixierte künstlerische Produktionen handelt, drängen Themen wie der Status des Kunstwerks im digitalen Modus permanenter Verfügbarkeit, seine Fluidität im Hinblick auf Autor*innenschaft und sonstige identitäre Zuschreibungen und nicht zuletzt der gemeinsame Denkprozess als grundlegendes relationales Moment im Kunstschaffen an die Oberfläche.

Ruben Aubrecht (* 1980 in Österreich) lebt und arbeitet in Berlin.
www.rubenaubrecht.net

 

Maria Anwander, Material for a sculpture that the artist decided better not to realize, 2015

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