Computerprogramm, metasprachliches Zeicheninventar, Textstruktur, Handlungsschema – auch unbewusstes Programm, dem Menschen kulturell oder politisch folgen: ein Script, als Muster begriffen, das ordnet und hierarchisiert, legt Rollen und Standards fest, bestimmt, was sichtbar ist und was unsichtbar bleibt. Scripts als gesellschaftliche Normierung verstanden, reproduzieren soziale Ungleichheiten, koloniale Strukturen und marktwirtschaftliche Wertesysteme. Welche Möglichkeiten eröffnen sich, wenn wir die Scripts, die wiederholt Krisen und Katastrophen hervorbringen, hinter uns lassen – oder aktiv verlernen? Welche Perspektiven könnten wir gewinnen, wenn wir uns auf Denk- und Handlungsansätze einlassen, die statt binärer Logiken ein breites Spektrum relationaler Verbindungen berücksichtigen? Wie Computerprogramme können auch soziale Vorschriften modifiziert, überschrieben und ständig neu verhandelt werden. Zeile für Zeile, Code für Code, Muster für Muster. So gesehen erscheinen diese nicht länger von einer unbekannten externen Instanz festgelegt, sondern entstehen aus kollektiven Praktiken im Inneren sozialer Felder, wodurch sie formbar bleiben.
Das Jahresprogramm 2026 widmet sich nach den Themen Host (2024) und Glitch (2025) dem Phänomen des Scripts und den Möglichkeiten, dieses zu überschreiben: Script. Einmal mehr möchten wir jene Räume und Nischen ausloten, die es uns erlauben, eine andere, gerechtere Welt auszumachen, auch wenn deren Realisierung in weiter Ferne liegt, wenn nicht zunehmend unerreichbar erscheint. Unter der Prämisse, von globalen Mehrheiten zu lernen, laden wir Künstler*innen, Kurator*innen und künstlerische Kollektive ein, jene unsichtbaren Drehbücher zu hinterfragen, die vorgeben, wie wir über die Welt zu denken haben. Wir setzen dabei bewusst auf den Begriff „Mehrheiten“, in der Mehrzahl geschrieben. Denn es gibt nicht die eine globale Mehrheit, sondern viele Mehrheiten, die sich je nach Perspektive, Kontext und Machtverhältnissen unterschiedlich formieren. Was jedoch konstant bleibt, ist, dass jene Kräfte, die die Welt heute maßgeblich gestalten – kolonialistische Machthaber, ökonomische Eliten, Träger symbolischer Dominanz – selten Teil dieser Mehrheiten sind, sondern häufig aus der Unterzahl heraus agieren. Paradoxerweise liegt gerade darin ihre Stärke: Sie bündeln Ressourcen, kontrollieren Zugänge und programmieren die Erzählungen, die den Blick auf die Welt prägen. Aus dieser Position heraus bestimmen sie, welche Scripts gelten und welche nicht. In der Umkehrung von Blickrichtungen ist daher das transformative Potenzial von Scripts zu finden: Der Fokus liegt nun auf Pluralität statt Vereinheitlichung und auf diversen Erzählungen statt einem dominanten Narrativ. Dieses Verständnis erinnert daran, dass Gerechtigkeit nicht aus einer Stimme entsteht, sondern aus der Vielstimmigkeit: dem Script der globalen Vielheiten.
(Re-)Writing Scripts #1
20. März 2026, 18 Uhr
Oscar Cueto — Entwurf für kein Museum
Eröffnung, 21. April 2026
Ausstellung, 22. April – 22. Mai 2026
(Re-)Writing Scripts #2 | Christian Ghazi, Hundred Faces for a Single Day (1972)
Filmvorführung und Gespräch auf Einladung von Huda Takriti
29. Mai 2026, 18 Uhr
Paula Bruna Pérez — Jaleo Forestal
Eröffnung, 9. Juni 2026, 18 Uhr
Ausstellung, 10. Juni – 31. Juli 2026
(Re-)Writing Scripts #3 | Mohamed Abdelkarim
Filmvorführung und Gespräch
9. Oktober 2026, 18 Uhr
[Ominous Music Playing] — Gruppenausstellung, kuratiert von Abbey IT-A
Eröffnung, 20. Oktober 2026, 18 Uhr
Ausstellung, 21. Oktober – 4. Dezember 2026
(Re-)Writing Scripts #4
11. Dezember 2026, 18 Uhr