Josef Dabernig — Envisioning Kunstraum Lakeside

Eröffnung, 29. September 2020, 19 Uhr
Ausstellung, 30. September – 3. Oktober 2020
Lange Nacht der Museen, 3. Oktober 2020, ab 18 Uhr

Der Kunstraum (12 × 9,7 m) liegt im Erdgeschoß des Gebäude 2, mit Sichtbezug nach Westen in Richtung Gebäude 1, nach Norden in Richtung Universität und nach Süden in Richtung Gebäude 4. Die unmittelbare Nähe zu Einrichtungen der Universität und zum benachbarten Verwaltungstrakt mit Veranstaltungssaal, insbesondere auch der Sichtkontakt zu einer Café-Terrasse im Gebäude 1 garantieren dem Kunstraum Durchlässigkeit in Richtung Nachbarschaft. Sie soll mittelfristig die Ausdehnung seiner Funktionen über das Areal begünstigen. Der Raum versteht sich als Ort für die Etablierung und Begleitung des Lakeside Kunstprojekts: Er ist als Raum für Präsentationen, Veranstaltungen, Ausstellungen, als Diskussionsplattform und für das Studium von projektbegleitender Literatur konzipiert. Der Raum versteht sich auch als eine zu Betriebszeiten offene Kommunikationszone. Im Wesentlichen versuchte ich ein Modell von funktionsbezogenem Mobiliar in Dialektik zur architektonischen Sprache zu etablieren. Meinen gestalterischen Ansatz verstehe ich als ironisch-kritischen Beitrag in der Diskussion um jenen erweiterten skulpturalen Begriff, wie er sich etwa in signifikanten Beispielen der jüngst entstandenen Museumsarchitektur äußert.1
— Josef Dabernig, 2005

Mit Gestaltung des Kunstraum Lakeside legte Josef Dabernig im Jahr 2005 nicht nur die architektonisch-gestalterischen Parameter des Kunstraum Lakeside fest. Mit dem von ihm entworfenen Mobiliar, mit der technischen Ausstattung und mit Zeigevorrichtungen wie etwa Stellwänden, Regalen und Tischen definierte er auch die Bedingungen und Möglichkeiten seines Gebrauchs. Multifunktional, diskursiv, wandelbar, durchlässig und nicht repräsentativ. Der Kunstraum Lakeside, in technologischem Beige und Grau gehalten, ist kein Ausstellungsraum im herkömmlichen Sinn. Er ist auch Ausstellungsraum, und zwar immer dann, wenn es das jeweilige Kunstprojekt erfordert. Darüber hinaus lässt sich die Infrastruktur an unterschiedlichste Veranstaltungsformate an der Schnittstelle von Technologie, Forschung, Wirtschaft und nicht zuletzt Kunst anpassen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die zur Überschneidung dieser unterschiedlichen Felder führen, werden im Kunstraum Lakeside nicht nur entlang kunstimmanenter Fragestellungen diskutiert. Auch die räumlichen Voraussetzungen werden mit modularen Methoden und Strategien des Zeigens im Kontext der gestalterischen Arbeit von Josef Dabernig reflektiert.

Wie von den GründungskuratorInnen Hedwig Saxenhuber und Christian Kravagna bereits in ihrem ersten Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm mit dem Titel Ansichten der Ökonomie definiert, versteht sich der Kunstraum Lakeside bis heute als „kuratorische Begleitung eines ambitionierten Wirtschafts- und Forschungsprojekts, dessen innovative Potenziale in ein Spannungsverhältnis zu künstlerischen Forschungen und Analysen gesetzt werden“, das sich „kontextbezogen in Funktionsbestimmung, Struktur und Betrieb des Wissenschafts- und Technologieparks einbringt“. Gerade weil sich die Voraussetzungen wirtschaftsnaher Forschung und Entwicklung mehr als 15 Jahre nach der Etablierung des konzeptuell geprägten Kunstprogramms, etwa durch eine exponentiell gesteigerte Digitalisierung des Alltags oder durch die Automatisierung des Arbeitslebens, stark verändert haben, bietet es sich im Lakeside Science und Technology Park immer noch an, „die Chance einer dialogischen Konfrontation von Fragen und Antworten zu einander überschneidenden Gegenstandsbereichen“ zum Thema zu machen. Die Herausforderung für beide Seiten, für Wirtschaft und Technologie einerseits und Kunstproduktion andererseits, liegt dabei nicht nur „in den je differenten Interpretationsweisen und Darstellungsformen von letztlich geteilten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“2, sondern mehr denn je auch in Betriebsmitteln und Ressourcen.

Was Josef Dabernig im Entwurf zu Gestaltung des Kunstraum Lakeside als „ironisch-kritisch“ bezeichnet, ist als grundlegend doppelte Strategie zu identifizieren. Der Künstler richtet zwar einen Kunstraum ein und bedenkt dabei alle möglichen Funktionen einer solchen Architektur. Indem er das Projekt jedoch als das, was es ist, belässt, als Teil eines wirtschaftsnahen Technologieparks nämlich, und indem er diese Voraussetzung mit gestalterischen Mitteln geradezu überaffirmiert, geht er nicht nur auf Distanz zur Trägerinstitution, sondern auch zu seiner eigenen künstlerischen Praxis. Dem Philosophen Gerald Raunig zufolge lassen sich derartige künstlerische Handlungsfelder, die sich gleichzeitig der Strategien von Involvierung und Selbsthinterfragung bedienen, als „instituierende Praxen“ beschreiben. Es handelt sich dabei um Arbeitsweisen, „die radikale Gesellschaftskritik üben und die sich dennoch nicht in der imaginierten absoluten Distanz zu den Institutionen gefallen; zugleich Praxen, die selbstkritisch sind und sich dennoch nicht krampfhaft klammern an ihre Verstricktheit, ihre Komplizität, ihr Gefangenendasein im Kunstfeld, ihre Fixierung auf die Institutionen und die Institution, ihr eigenes Institution-Sein.“3 Eine derart angelegte Doppelstrategie korrespondiert wiederum mit der Idee einer sich entlang bestimmter Inhalte, Themen und Sachverhalte entwickelnden, jedoch stets methodenreflexiven künstlerischen Forschung, wie sie im Programm des Kunstraum Lakeside zur Diskussion steht. 


Was bedeutet es nun für ein Projekt – für ein Kunstprojekt – wie den Kunstraum Lakeside, wenn kein beständiges Werk und auch kein beständiges institutionelles Produkt mehr existiert? Was heißt es für einen Kunstraum, wenn das Selbstverständnis als Institution bereits bei der Einrichtung durch Intervention von Josef Dabernig befragt wird und Instabilität und Wandelbarkeit Handlungsträgerinnen dieser Befragung sind?4

Jubiläum — 15 Jahre Kunstraum Lakeside



In diesem Spannungsfeld aus Technologie, Wirtschaft und künstlerischer Forschung einerseits und vor dem Hintergrund einer institutionskritischen Kunstpraxis andererseits, bewegt sich Josef Dabernig auch im Jubiläumsjahr. Unter dem Titel Envisioning Kunstraum Lakeside nimmt er eine Wieder- und Neuaufstellung des Ausstellungsraums vor und stellt die bereits 2005 aufgeworfenen Fragen wieder oder neu. Seit 15 Jahren versteht sich der Kunstraum Lakeside als Ort der Produktion und Präsentation zeitgenössischer internationaler Kunst. Angesiedelt im Lakeside Science & Technology Park in unmittelbarer Nachbarschaft zur Universität Klagenfurt, verhandelt und initiiert er wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Diskursformen. Anhand eines Re-Arrangements der Einrichtung des Ausstellungsraums und einer begleitenden Plakatedition bringt Dabernig die Geschichte dieses Ortes der Kunstproduktion an der Schnittstelle von Ökonomie und Wissenschaft zur Anschauung: „Form und Identität“, „Kontrollierte Körper“, „Umbau“, „Nachbarschaft“, „Enge Anbindung“, „Mediengebrauch“, „Wirtschaftsparadiese“, „Grenzen der Arbeit“, „Recherche“ oder „Format“ lautet nur eine Auswahl der inhaltlichen Klammern, die seit der Gründung des Raums im Jahr 2005 in unterschiedlichen Konstellationen zur Diskussion gestanden haben. Mit Envisioning Kunstraum Lakeside rekonfiguriert Josef Dabernig diese Themenfelder und aktualisiert sie in der Gegenwart.

1 Dabernig, Josef: „Einrichtung eines Kunstraums“, in Ansichten der Ökonomie [Begleitheft zum Semesterprogramm 05/06], hg. v. Christian Kravagna und Hedwig Saxenhuber, Klagenfurt: Kunstraum Lakeside 2005, 5.
2 Kravagna und Saxenhuber: Ansichten der Ökonomie, 3f.
3 Raunig, Gerald: „Instituierende Praxen. Fliehen, Instituieren, Transformieren“ in eipcp – European Institute for Progressive Cultural Policies 1 / 2006, http://eipcp.net/transversal/0106/raunig/de [letzter Zugriff: 3. Mai 2020].
4 Der Text ist eine gekürzte und adaptierte Version von: Thalmair, Franz: „Bedingungen und Möglichkeiten des Gebrauchs. Kuratorische Notizen zur künstlerischen Forschung im Kunstraum Lakeside“, in Kunstraum Lakeside – Recherche | Research, hg. v. ders., Wien: Verlag für moderne Kunst, 2019, 71–83.

Josef Dabernig (* 1956 in Österreich) lebt und arbeitet in Wien.
www.dabernig.net

 

Josef Dabernig, Gestaltung des Kunstraum Lakeside, 2005

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