Statement #02 | An Onghena — Performance für das Buch

Performance, 5. Juli 2018, 15 – 19 Uhr
PerformerInnen, An Onghena und Tom Exelmans

„ein buch ist eine folge von räumen.
jeder dieser räume wird in einem bestimmten moment wahrgenommen –
ein buch ist auch eine bestimmte folge von momenten.“
—Ulises Carrión, 1975

Vor gut vier Jahrzehnten behauptete Ulises Carrión in seinem Manifest Die neue Kunst des Büchermachens, dass von KünstlerInnen entworfene Bücher im Unterschied zu herkömmlichen Büchern nicht einfach gelesen werden können – jede Publikation, so die Feststellung des Künstlers, Schriftstellers, Herausgebers und Buchhändlers, fordert ihre spezifische Art der Betrachtung heraus. Er stellte die räumliche Dimension des Buchs, seinen Objektcharakter und seine Architektur in den Vordergrund und begriff es als sozialen Ort, an dem unterschiedlichste Arbeitsweisen und Interessen zueinander finden.

Die Grafikdesignerin und Künstlerin An Onghena folgt nicht nur einem breiten Verständnis des Mediums wie es Carrión dachte, sondern macht gleichzeitig die Offenheit der Buchform in einer selbstreflexiven Schlaufe zum Thema ihres künstlerisches Handelns. Zentral in ihrem Werk ist die Reflexion auf die grundlegenden Parameter der Produktion von Druckwerken wie etwa Papier und Tinte oder die unterschiedlichen Verfahren wie diese Elemente zueinander in Beziehung gesetzt und Drucktechniken realisiert werden. Darüber hinaus stellt die Künstlerin mit der Verwendung obsoleter Druckmethoden oder akribischer Recherchen über bestimmte Element dieser Techniken die Rolle des analogen KünstlerInnenbuchs als Kontrapunkt zur allgegenwärtigen Digitalisierung zur Diskussion.

Als Recherche in die materiellen, formalen und inhaltlichen Voraussetzungen und Bedingungen der Buchproduktion ist Onghenas Arbeit mit dem programmatischen Titel Performance für das Buch zu verstehen. „In meiner Arbeit hat sich das Papier eher zu einem Kollegen entwickelt als es ein bloßes Werkzeug für Zeichnung, Schreiben oder Malerei ist“, so die Künstlerin über das von ihr bevorzugt verwendete Trägermedium: „Die Performance erzählt die Geschichte über die Liebe zum Papier und die Gefühle der Frustration, über das Büchermachen, den Inhalt und die Faltung, die Bindung und den Umschlag. Eine Performance als visuelles Experiment, um dem Papier Leben und Bedeutung zu geben. Um ihm seine eigene Rolle zu geben.“

Ausgehend vom einem handelsüblichen Bogen Papier im Großformat erzählt die Künstlerin von der Potenzialität ihres Materials. Indem sie das Papier unterschiedlichsten Transformationsprozessen unterwirft, stellt Onghena nicht nur seine möglichen Aggregatzustände zur Schau, sondern führt auch alle an diesen Zuständen beteiligen AgentInnen vor. In Performance für das Buch wird das Papier im Zusammenspiel aus Künstlerin, Performer, Ausstellungsraum, Handlungsanweisungen, den gegebenen Voraussetzungen des Materials und nicht zuletzt den BetrachterInnen gefaltet und zu einem gemeinschaftlichen Akt.

Zitat: Ulises Carrión, „Die neue Kunst des Büchermachens“, übersetzt aus dem Englischen von Hubert Kretschmer, Wolkenkratzer 3 (1982). [Online unter: http://www.artistbooks.de/statements/carrion-deutsch.htm, letzter Zugriff: 15. Mai 2018]

An Onghena (* 1992 in Belgien) lebt und arbeitet in Antwerpen.
www.anonghena.com

 

An Onghena, Performance für das Buch, 2017

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