and|or—but, yeah* (Gruppenausstellung)

Eröffnung, 19. Oktober 2018, 18 Uhr
Ausstellung, 22.–24. Oktober 2018, 10–18 Uhr

Werke von Nicoleta Auersperg, Oscar Cueto, Kyungrim Jang, Jakob Kirchweger, Mara Novak, Asher O’Gorman / Anne-Clara Stahl, Lola Pfeifer, David Reiner, Huda Takriti, Ayşe-Gül Yüceil

Ausstellungsort
Universität für angewandte Kunst Wien
TransArts – Transdisziplinäre Kunst
Vordere Zollamtsstraße 7
1030 Wien

Im Unterschied zu herkömmlichen Rechercheprozessen etwa im Bereich der Wissenschaften, ist die Recherche in einem künstlerischen Forschungszusammenhang dem aus ihr resultierenden Ergebnis, also dem Kunstwerk, zeitlich nicht nur vorgelagert, sondern sie wird zum eigentlichen Objekt der Untersuchung. Innerhalb künstlerischer Betätigungsfelder, die auf Recherche angelegt sind, stellen KünstlerInnen nicht nur bestimmte Themen, Sachverhalte oder Ideen mit visuellen Mitteln zur Disposition. Im besten Fall untersuchen sie gleichzeitig die Möglichkeiten und Alternativen des eigenen Handelns. Die Recherche ist nicht mehr vom Kunstgegenstand zu trennen und die Grenzziehungen zwischen Werk und Methoden heben sich auf. 


Die Ausstellungen and|or—but, yeah* geht ästhetischen Handlungsfeldern nach, denen nicht nur das permanente Reflektieren und Revidieren von Materialien, Formen und Medien eigen ist, sondern deren spekulatives Vorgehen selbst zum Untersuchungs- und Darstellungsgegenstand wird. „Das Forschungsanliegen will Wirklichkeit weder graphisch einfangen noch sprachlich beschreiben, weder vorgängige Hypothesen überprüfen noch vorausgehenden Fragen folgen, auch keine Prozesse dokumentieren. Es will mit der Praxis identisch sein und im Bearbeiten, Umgehen, Behandeln von Praxis implizites Wissen aktivieren und neue Kenntnis generieren […] – Forschen in eigener Sache, das im Vollzug des Handelns Auskunft gibt.“* Die ästhetische Praxis wird im Kontext der Ausstellungen and|or—but, yeah* als Wissensform verstanden, welche die Realität nicht nur beschreibt und/oder visualisiert, sondern sie auch formt.

Der Ausstellungstitel and|or—but, yeah* trägt den beschriebenen Prozessen künstlerischer Forschung Rechnung. „Und“, „oder“ und „aber“ sind als verbale Ausdrücke der Entscheidungsfindung zu verstehen, die auf untrennbare Art und Weise miteinander verbunden sind: Es geht um das permanente Abwägen von inhaltlichen Frage- und Problemstellungen, um das Einerseits und das Andererseits; es geht um das Verbinden und Mischen von Geschichten, Erzählungen und Formen mit dem Ziel, integrative Lösungen zu erreichen; es geht um das Trennen und Gegenüberstellen von Beschaffenheiten und Merkmalen; es geht um Widerspruch, um den Gegensatz zwischen Erscheinungen und Systemen, die einander bedingen wie ausschließen, es geht um eine – „yeah“ – produktive Unterbrechung.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich Nicoleta Auersperg und lotet den Formfindungsprozess ihrer Werke dauerhaft neu aus. Die Arbeiten der Künstlerin zeichnen sich durch die intensive Beschäftigung mit der Beschaffenheit, den Hintergründen und dem Charakter derjenigen Materialien aus, die sie zum Einsatz bringt. In vice versa (2018) verwendet sie Plastiksäcke und füllt diese mit unterschiedlichem Material, das seine Gestalt und seinen Zustand ändert, je nachdem mit welchem Umfeld es in Berührung kommt. Die Künstlerin schöpft aus einem in alle Richtungen hin offenen Potenzial, ein Prozess, der sich häufig als performative Skulptur äußert. Mit ähnlichen skulpturalen und das Material betreffenden Fragestellungen setzt sich auch Jakob Kirchweger auseinander, indem er die beiden Ausstellungsräume in Wien und Klagenfurt miteinander verknüpft. In 439 m ü. Adria (2018) transferiert der Künstler eines der mobilen Bodenelemente aus dem Kunstraum Lakeside nach Wien, wo er es als Readymade in den Räumen der Universität für angewandte Kunst zeigt. Die in Klagenfurt entstandene Leerstelle ersetzt Kirchweger durch ein anderes Material. Mit den Gesten der Übersetzung und Ersetzung irritiert er die BetrachterInnen an beiden Orten.

Indem sich Mara Novak mit der Arbeit deep down color blind (2018) einem fotografischen Problem annähert, stellt sie eine analytische Herangehensweise an das eigene Darstellungsmedium unter Beweis: Die Farbe Rot ist ab fünf Metern Wassertiefe nicht mehr im Lichtspektrum vorhanden. Sie wird dadurch nicht mehr reflektiert und scheint auch nicht mehr auf Fotos auf. Grundlage Novaks Installation ist eine Versuchsanordnung mit einer selbst gebauten Vorrichtung zur Langzeitbelichtung von Unterwasserbildern, in denen ein physikalisches Gesetz in Form monochromer Flächen sichtbar gemacht wird. Mit den Mitteln der Abstraktion arbeitet auch David Reiner. In Signal Void (2017) setzt sich der Künstler mit Algorithmen auseinander, die während des Werkprozesses von einfachen Handlungsanweisungen zu eigenständigen Akteuren werden. Im Zentrum seines Interesse steht die Verschlüsselung von Daten als Form der optischen Repräsentation. Der Titel des Werks spielt mit Mehrdeutigkeit und lässt sich als „Signalauslöschung“, „eklatante Leere“ aber auch als „Zeichen“ und das „Nichts“ übersetzen.

Weniger systemimmanente Fragestellungen als vielmehr der Bezug zu der uns umgebenden Welt steht bei Oscar Cueto im Vordergrund. Für die Soundinstallation Holy Money (2018) hat er einen Obdachlosen vom Wiener Praterstern gebeten, ein vom Künstler verfasstes Gebet zu lesen. Die Stimme des Mannes, der den Text geradezu schauspielerisch interpretiert, der Lärm des Bahnhofs im Hintergrund und die politische Botschaft des Textstücks erzeugen eine Spannung, die von einem gesellschaftspolitischen Konflikt zeugt. Der Bezug zu gesellschaftlichen Tatsachen ist auch in Kyungrim Jangs Installation Camo Cut (2018) gegeben: Die in Südkorea geborene Künstlerin untersucht Musik und entsprechende Körperübungen, die mit dem Ziel propagiert werden, eine einheitliche öffentliche Erfahrung zu schaffen – kollektive Turnen als Mittel zur Schaffung nationaler Identität. Ihre Installation dreht sich um das Thema Mobilisierung, Bürgerbildung und den Einsatz der sich entwickelnden Technologie in diesem Prozess.

Asher O’Gorman und Anne-Clara Stahl zeigen mit 16.01.2018 (2018) die Dokumentation einer gemeinschaftlichen Performance. Der Akt des Faltens von Papier manifestiert sich in dieser Arbeit nicht nur in einer Bewegung der Körper, sondern auch als Linienkomposition, die dem Papier durch die Faltung eingeschrieben wird. Bewegung, Körper, Klang, Raum, Oberfläche und Material befinden sich in einem Zusammenspiel. Das Werk ermöglicht es BetrachterInnen, an der Entstehung eines Kunstwerks teilzunehmen. Die Beziehung zwischen einem Kunstwerk und seinen BetrachterInnen steht in Lola Pfeifers Touching Story (2018) zur Diskussion. Die Künstlerin verhandelt Themen wie Körperlichkeit und Subjektivität mit den Mitteln der Partizipation. Unter einer Leuchtreklame bestehend aus dem Schriftzug „f f f“ (feelings for free) steht ein weißer Sockel, dessen Oberfläche mit einer Slikonschicht bedeckt ist. Sobald BetrachterInnen das Werk berühren, spüren sie einen Herzschlag, der zuerst nervös und hektisch wird, um sich nach einer gewissen Dauer wieder zu beruhigen. Die Bewertung und Beurteilung der eigenen Reaktionen auf diesen Vorgang liegt bei den BetrachterInnen.

In Der Augenblick (2017) setzt sich Ayşe-Gül Yüceil mit Zeitlichkeit und Vergänglichkeit auseinander. Durch eine Art Bildmaschine läuft eine 19 Meter lange, halbtransparenten Papierrolle, die als Projektionsfläche für kurze Videos dient. Das Werk führt einen drei Stunden dauernden, maschinellen Prozess aus, der sich schließlich in eine skulpturale Form weiterentwickelt. Am Ende bleibt nichts übrig, außer die Erinnerung an die vergangene Zeit. Im Gegensatz zu Yüceils Arbeit macht Six hours forward are six hours backwards and vice versa (2018) von Huda Takriti nicht nur Zeit, sondern auch Raum zum Thema. Das auf Text basierende Werk wird in zwei Bestandteile zerlegt und auf die Ausstellungsorte in Wien und Klagenfurt aufgeteilt. „Als ich mit der Arbeit an diesem Projekt begann“, so die Künstlerin, „bliebt der Satz in meinem Kopf stecken. Ich befand mich in einer endlosen Wiederholung, die ich durchbrechen wollte. Doch jeder Schritt vorwärts auf dieser Suche nach einer Lösung wurde mit einem Rückwärtsgang konfrontiert, was mich in einen Bewegungszyklus führte, der schließlich in Stille mündete.“

*Seitz, Hanne: Performative Research, in: Kulturelle Bildung Online,
https://www.kubi-online.de/artikel/performative-research (letzter Aufruf: 15.8.2018)

 

Ein Kooperationsprojekt des Kunstraum Lakeside mit
TransArts – Transdisziplinäre Kunst
www.transarts.at

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