Ricarda Denzer — To Tell A Story

Eröffnung, 7. Mai 2019, 19 Uhr
Ausstellung, 8. Mai – 14. Juni 2019

In ihrer künstlerischer Praxis setzt sich Ricarda Denzer mit der in alle Richtungen hin offenen Erzählform auseinander. Ihre Videoarbeiten, Performances und raumgreifenden Installationen sind von Vorstellungen des Akkustischen geprägt und kreisen um Phänomene wie die menschliche Stimme, das gesprochene Wort und den Sprechakt als gesellschaftspolitische Manifestation und Handlung. Denzer nähert sich komplexen Themenfeldern auf subtile Weise, indem sie bestimmte Elemente ihres Rechercheprozesses als wiederkehrende Versatzstücke, als Material, benutzt und zu wandelbaren, ephemeren Anordnungen montiert. Die Künstlerin arbeitet dabei mit den Mitteln der Analogie und der Assemblage sowie mit der Idee von Verhältnissen, Beziehungen und ihren Gesetzmäßigkeiten.

Im Kunstraum Lakeside zeigt Ricarda Denzer eine neues Projekt, das seinen Ausgangspunkt bei einem Gespräch der von der britischen TV-Anstalt Channel 4 in den 1980er-Jahren ausgestrahlten Serie Voices zwischen dem britischen Essayisten, Kunstkritiker und Schriftsteller John Berger und seiner US-amerikanischen Kollegin Susan Sontag mit dem Titel To Tell A Story (1983) nimmt. Als Form der Wiedergabe eines Geschehens, sei dies fiktiv oder real, nimmt die Narration in der Regel mündliche oder schriftliche Form an – Ricarda Denzer formuliert ihre eigene Erzählung hingegen mit audiovisuellen Mitteln und bindet zusätzlich zur Sprech- und Schreibhandlung das Bild in seinen vielfältigen Dimensionen als Mittel zur Konstruktion einer Geschichte ein. Die Künstlerin kommt der Form der Erzählung in ihrer Ausstellung im Kunstraum Lakeside nicht nur darin nach, was erzählt wird, sondern vor allem wie etwas erzählt wird, eine Denkschleife, durch die der Vorgang des Erzählens mit dem Produkt des Erzählens in eins fällt.

„John, denkst du nicht, dass die Leute einen Unterschied machen zwischen einer Geschichte, die wahr ist, und einer Geschichte, die imaginär oder erfunden ist“, antwortet Susan Sontag eingangs John Bergers Frage, was hinter dem Geschichtenerzählen stecke. Sie verweist auf die Unklarheit des Begriffs, der es ihrer Meinung zufolge jedoch vermag, gegensätzliche Seiten einzuschließen: „Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass es eine Art Ambiguität in dem Begriff des Geschichtenerzählens gibt. Wir betrachten das Erzählen von Geschichten als eine Aktivität, die Wahrheit wiedergibt: ‚Erzähl mir die wahre Geschichte!‘ Wir denken an Geschichten, die Informationen vermitteln, wir denken an Geschichten, die Geheimnisse enthüllen […] Aber wir denken auch über Geschichten nach als ‚Das ist nur eine Geschichte!‘ oder ‚Erzähl mir keine Geschichten!‘, was so viel wie ‚Erzähl mir keine Lügen!‘ bedeutet. Und denkst du nicht, dass im Mittelpunkt des gesamten Unternehmens des Geschichtenerzählens die Tatsache steht, dass es eine Aktivität ist, die in zwei Richtungen geht? Einerseits ist es mit einer Vorstellung von Wahrheit verbunden, andererseits mit einer Idee von Erfindung, Imagination und Lüge.“*

Die Bandbreite des Geschichtenerzählens zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Wahrheit und Imagination, die John Berger und Susan Sontag im Dialog unter inhaltlichen Gesichtspunkten diskutieren, überträgt Ricarda Denzer mit formalen Mitteln in den Kunstraum Lakeside. Die Künstlerin analysiert die Bildregie des Gesprächs mit seinen eigenen Methoden, jenen Verfahren der Bildregie, die die Regisseure der Sendung zu Beginn der 1980er-Jahre für das Storytelling des TV-Formats angewendet haben. Auf diese Weise gelingt es Denzer, die Praxis des Geschichtenerzählens anhand einer Meta-Erzählung über das Geschichtenerzählen zu dekonstruieren. Jede einzelne Einstellung der Voices-Ausgabe To Tell A Story, von der Totale und Halbtotale bis zur Nahaufnahme, findet sich in der gleichnamigen Videoarbeit wieder. Dazu hat die Künstlerin das Gespräch zwischen Berger und Sontag im Kunstraum Lakeside im Vorfeld der Ausstellung im Raum re-inszeniert, wobei das Mobiliar und das Ausstellungsdisplay als Platzhalter für die handelnden Personen und den Kontexte dienten. Die Bildführung in Denzers Video To Tell A Story thematisiert sich auf einer abstrakten Ebene selbst und lässt schließlich den Vorgang des Erzählens mit seinem Produkt identisch werden. Unterstützt wird Denzers Video von einer Flip-Dot-Anzeige, einer Matrix wie man sie aus Flughäfen kennt, die den Dialog oder konkreter die sich abwechselnden Stimmen der ProtagonistInnen des Gesprächs als flüchtige Bewegung, als flottierende Bildpunkte, darstellt. Das Hin und Her zwischen Berger und Sontag, die Vorsicht in ihren Formulierungen einerseits, die Ballung ihrer Argumente andererseits, äußern sich in dieser Kommunikationstechnologie auf visuell-auditiver Ebenen und ergänzen den räumlichen Effekt des Videos.

„Was finde ich vor, was bringe ich mit?“ lautet eine der Fragen, die sich Ricarda Denzer häufig bei der Konzeption von Werken sowie bei der Entwicklung von Ausstellungen stellt. Ihre künstlerische Praxis, mit der sie immer wieder auf den jeweiligen Ausstellungsort und -zusammenhang reagiert, zeigt sich nicht nur im Video To Tell A Story, sondern auch in der übrigen Installation im Kunstraum Lakeside. Die Dialogizität des Geschichtenerzählens greift Denzer etwa buchstäblich mit der Geste des Abreibens von Durchschlagpapier auf. Vollflächig aber punktuell auf die Wände im Kunstraum Lakeside appliziert, hinterlässt nicht nur das Papier seinen blauen Abrieb am und im Raum, sondern auch umgekehrt, hinterlässt der Raum seine Spur am Papier, indem er ihm seine Farbigkeit teilweise nimmt. Das wechselseitige Verhältnis zwischen Kunstwerk und Raum, zwischen Künstlerin und Institution, zwischen John Berger und Susan Sontag und nicht zuletzt die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion werden hier von Ricarda Denzer exemplarisch vor- und gleichzeitig aufgeführt.

Ricarda Denzer (* 1967 in Deutschland) lebt und arbeitet in Wien.
www.ricardadenzer.net

*John Berger und Susan Sontag, To Tell A Story (1983), 4‘39‘‘,
https://www.channel4.com/programmes/voices/on-demand/811-007
[letzter Zugriff: 15. April 2019]

 

Ricarda Denzer, To Tell A Story, 1983/2019

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