Lone Haugaard Madsen — Raum#365

Eröffnung, 21. Jänner 2021, 19 Uhr
Ausstellung, 22. Jänner – 5. März 2021

In ihrer Praxis begibt sich Lone Haugaard Madsen nicht nur in einen kaum enden wollenden Kreislauf aus künstlerischer Produktion/Reproduktion und Präsentation/Repräsentation, sondern sie gestaltet diesen gleichsam mit. Mit bildhauerischen und malerischen Mitteln, stets jedoch raumbezogen-installativ, stellt sie die Kunstproduktion an sich zur Disposition: Welche Zusammenhänge sind konstitutiv für Kunst? Welche Verhältnisse und Bedingungen des Präsentierens von Kunst herrschen vor, welche Begehrlichkeiten werden damit geweckt? Welche Bezüge und Verbindungslinien können zwischen den inhaltlichen, formalen und materiellen Voraussetzungen von Kunst und ihren Räumen hergestellt werden? Indem Lone Haugaard Madsen ihre Rolle bewusst von der (re-)produzierenden Künstlerin zur ersten Betrachterin ihrer eigenen Kunstwerke zur Ausstellungsmacherin und je nach Bedarf wieder zurück wechselt, hält sie ihr eigenes Handlungsfeld in Schwebe und die daran geknüpften Fragestellungen offen für Diskussion.

Ausgangspunkt für die meist fragilen, jedoch äußert präzise im jeweiligen räumlichen Kontext gesetzten Installationen, mit denen die Künstlerin unter anderem die Gesten des Zeigens von Kunst sichtbar macht, sind die materiellen Aspekte der Produktion, Aspekte des künstlerischen Arbeitens an sich: Hier schlingt sich eine Schnur beiläufig um ein handelsübliches Formrohr aus Metall, das zusammengebunden mit anderen Stangen in die Höhe ragt; dort zeigen sich vorsichtig die Spuren eines Lackierprozesses auf einem beliebigen Stück Schaumstoff und strukturieren seine Oberfläche neu; hier kontrastiert das glänzende Schwarz eines nicht näher bestimmbaren Elements aus Plastik die matte malerische Fläche auf Leinwand; dort lehnt eine Holzplatte, als würde sie darauf warten, abgeholt zu werden; hier liegt ein Stück Stoff über einem Sockel, der wie ein temporärer Behelf aus ungleichen Materialien bricoliert ist – alles kann zur Kunst werden.

Lone Haugaard Madsens Werke bestehen häufig aus Gegenständen, die sich in ihrem eigenen Arbeitsraum angesammelt haben oder die sie in den Ateliers befreundeter Künstler*innen und in den Werkstätten und Lagern von Kunstinstitutionen findet, in denen sie ausstellt. Sie akkumuliert Materialien und Objekte, sie unterzieht die Gegenstände einem Prozess der Umdeutung und transformiert sie so lange, bis daraus ein netzwerkartig strukturiertes Hybrid entsteht, das die komplexen Zusammenhänge des Kunstschaffens nicht nur als Gedankengebilde fasst, sondern begreiflich und erfahrbar macht. Durch den Eingriff der Künstlerin entstehen Konstellationen. Es sind scheinbar willkürliche Zusammenfügungen, die trotz ihrer Flüchtigkeit oder gerade wegen ihrer Unbestimmtheit überaus präsent sind. Betrachter*innen können gar nicht anders, als mit ihrem Blick bei den Objekten stehen zu bleiben und diese auf ihre Gestalt und Beschaffenheit, auf ihre vermeintliche Funktion hin zu prüfen.

Ein zentraler Aspekt in Lone Haugaard Madsens Arbeit ist das Moment des Zeigens von Kunst, das wiederum das Moment des Zeigens von Kunst – und des Betrachtens derselben – zum Thema hat. Die Ausstellungen der Künstlerin sind nicht nur Mittel, um bestimmte Werke – Skulpturen, Malereien, Interventionen – in einen räumlichen Zusammenhang zu bringen, vielmehr verbinden sich ihre Skulpturen, Malereien und Interventionen derart miteinander und mit dem jeweiligen Ort der Präsentation, dass die Ausstellungen selbst zur Installation und zum Kunstwerk werden. Juliane Rebentisch zufolge „[war] kein Werk je gegenüber der Form seiner Ausstellung indifferent, aber die Kunst der Installation lenkt darauf eine besondere Aufmerksamkeit: Sie spielt dezidiert mit der parergonalen Logik, in deren Dynamik sich das räumliche Drumherum des Ausstellungsraums oder die Nachbarschaft eines Bildes mit einem anderen ins Zentrum ästhetischer Signifikanz falten kann, ohne doch je sich als ein solches Zentrum fixieren oder dingfest machen zu lassen.“* Dass Lone Haugaard Madsen ihre Ausstellungen als Räume bezeichnet und ihnen fortlaufende Nummern statt Titeln gibt, unterstreicht zum einen, dass es sich dabei um lose Arrangements handelt, und zum anderen, dass die einzelnen Schauen wiederum in ein größeres Ganzes eingebettet sind. Die Kontingenz der Bestandteile in den Werken der Künstlerin setzt sich auf Ebene der Ausstellungen fort.

während der langen Wochen des durch die weltweite Pandemie bedingten Lockdowns im Frühsommer bewegte die Künstlerin dazu, ihren Standpunkt als Produzentin von Kunst neuerlich zu befragen. Ausgehend von ihrer persönlichen Arbeitssituation, aber auch von der Tatsache, dass Künstler*innen in Zeiten eingeschränkter Mobilität und Öffentlichkeit stärker denn je zuvor mit ihren eigenen Schaffensbedingungen und -mitteln konfrontiert sind, hat Haugaard Madsen den Fotografen Oliver Brenneisen um die Dokumentation einer neuen Serie von Malereien und Skulpturen gebeten. Die in dieser Zusammenarbeit entstandenen Fotografien, die sich zwischen Porträt-, Repro-, Objekt-, Natur- und nicht zuletzt Modefotografie bewegen, sind nicht unbedingt als Kunstwerke an sich zu verstehen. Ihre formale Unbestimmtheit jedoch, die Art, wie sie sich der eindeutigen Beschreibung entziehen und wie sie – etwa auf der Einladungskarte zur Ausstellung Raum#365 – zirkulieren, korrespondiert durchaus mit den Methoden und Strategien der Überschreitung von Genregrenzen, ein Verfahren, das die Künstlerin ebenso für die Komposition und das Arrangement ihres Werks heranzieht.

Lone Haugaard Madsen (* 1974 in Dänemark) lebt und arbeitet in Wien.

*Juliane Rebentisch, interviewt von Matthias Michalka, „to install“, in: to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer. Künstlerische Praktiken um 1990, Köln 2015, S. 225–231, hier: S. 227.

 

Lone Haugaard Madsen, Raum#365 (2020), Foto: Oliver Brenneisen