22. März bis 3. Mai

«Über unheimliche Zustände und Körper»

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Franz Artenjak, Drew Danielle Belsky, Mareike ­Bernien und Kerstin Schrödinger, Eva Egermann, Luke Fowler, Roland Gaberz, Philipp Timischl

Kuratiert von Eva Egermann

«Aesthetics tracks the emotions that some bodies feel in the presence of other bodies» (Siebers)

Unheimliche Zustände und Körper im Ausstellungsraum. Ungewöhnliches Befinden im vierten Sonnensystem. Verschiedene Body- und Teen Issues, Wünsche und Begehren. Endlose Therapieloops in intensiven Farben. Vom Violett-, Grün- und Blau-Werden und dem Rot der Rosen im Patientenzimmer. Man sei irgendwie aus der Form gelaufen, ultra-low und down gepitcht. «Strangeness» und überall zerteilte Wesen … Ungewissheit und Unheimlichkeiten machen sich allerorts breit.
Die Ausstellung fragt nach der Präsenz von Devianz in der Tradition ästhetischer Repräsentationen, nach den Abweichungen zu den Entwürfen von Unbeschädigtheit. Als gegenläufige Praxen und als das Antiästhetische werden gemeinhin künstlerische Formen beschrieben, die die Idee von ­privilegierten ästhetischen Orten zurückweisen. (Foster)
«Desires get a life on their own», tönt es durch die Lautsprecher. Die künstlerischen Arbeiten erzeugen die Unheimlichkeiten und verschiedenartigen Sozialitäten auf unterschiedlichste Weise: durch entkoppelte Filmmontage, chimäre Künstlerporträts, Unterbrechung in Videoloops und Malerei, Zeichnungen und Auslassungen, Verfremdung in Sound und Situationen, Unzeitlichkeit und Bilder kosmischer ­Visionen. «But wherever here is, let us not let it be anywhere else.» (Cooper)

Franz Artenjak (1920–1985) wurde in Südtirol geboren und im Alter von 27 Jahren aufgrund von epileptischen Anfällen ins Landeskrankenhaus Gugging gebracht. Die Zeichnungen seiner eigenen Kosmologien entstanden aus seinem Interesse an astronomischen Daten und kosmischen Visionen. Mit freundlicher Unterstützung des mumok sind einige der Zeichnungen nun in Klagenfurt zu sehen. (mumok.at, gugging.at)

Drew Danielle Belsky (Toronto) ist eine multidisziplinäre Künstlerin. In ihrer Arbeit erforscht sie die menschliche ­Darstellung (human embodiment) und die Wege, in denen die Körper agieren. Ihre Zeichnungen manipulieren und unterbrechen traditionelle medizinische Darstellungsweisen, sie erforscht den Mehrwert der sozialen Bedeutungen und Fantasien, den diese Bilder generieren. Medizinische Interventionen sind auch Ausgangspunkt von Belskys Soundinstallation. Durch ­verschiedene Alltagssituationen werden Erinnerungen an familiäre und fremde Körper hervorgerufen. (drewdaniellebelsky.wordpress.com)

Mareike Bernien (Berlin) und Kerstin Schrödinger (London) arbeiten in den Bereichen Film, Video, Hörspiel, Musik und Text und versuchen in ihren Arbeiten, Bildproduktion kritisch zu befragen und Bilder als Material des Denkens zu pro­duzieren und zu reproduzieren. In ihrer Videoinstallation «Red, she said …» zer­legen die Künstlerinnen den Filmraum in seine Bestandteile und intervenieren in ihn. Die Farben werden zu Handlungs­trägern und Elementen eines Begehrens nach entregelten Farbräumen und farbdurchsetzten Begehrensfeldern. «Choir: We need to disconnect red from love. We need to disconnect red from the roses. We need to disconnect the roses from love. We barricade ourselves behind red. Red as a barricade against a sea of roses, against the icon. […] Here we stand on the other side of nature. Against desire! Desire against!» (mar-ker.tumblr. com)

Eva Egermann (Wien) arbeitet in verschiedensten Medien und in unterschied­lichen Kollaborationen (wie z.B. der Manoa Free University). Neben künstlerischen Projekten sind Publikationen (z.B. «Regime. Wie Dominanz organisiert und Ausdruck formalisiert wird» oder «Class Works») und kuratorische Projekte (z.B. «2 or 3 things we’ve learned. Intersections of Art, Pedagogy and Protest … ») entstanden. Im kunstraum lakeside ist während der Ausstellungsdauer auch die erste Ausgabe der von ihr herausgegebenen Zeitschrift «Crip Magazine» erhältlich. Eine Installation aus bearbeiteten Fotos zeigt verschiedene Räume und ihre kulturelle Kodierung mit Schmerz und Ausdauer.

Luke Fowler (Glasgow) ist Künstler, ­Filmemacher und Musiker. Er erschafft kinematische Collagen, welche oft mit der British Free Cinema Bewegung aus den Fünfzigern in Verbindung gebracht wurden, und untersucht in seinen dokumentarischen Filmen u.a. Figuren aus der Gegenkultur. In Klagenfurt zeigt Fowler seinen eindrucksvollen Film «All Divided Selves» aus 2011, ganz dem Werk und der Person des schottischen Antipsychiaters R.D. Laing (1927–1989) gewidmet. «Was wir ‹normal› bezeichnen, ist das Produkt von Repression, Leugnung, Abspaltung, Projektion und anderen Formen destruktiver Reaktionen auf Erfahrungen», schreibt R.D. Laing in seinem 1967 erschienenen Werk «The Politics of Experience». «Der dezidiert achronologische Bogen, den der Film aufspannt, geht entschieden über die Verfilmung einer Biografie hinaus. […] Dass das ‹Selbst› oder wie Laing es in seinem Werk ‹The Divided Self› (1960) darlegt, als reziproke, mehrfach überlagerte Funktion zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung oszilliert, bringt der Film in einer weit ausholenden und teils minuziöse Details mitverarbeitenden Assemblage kongenial zum Ausdruck.»1     

«All Divided Selves» (2011): Ein Film von Luke Fowler; Musik und Sound Design: Éric La Casa, Fowler, Jean-Luc Guionnet, Alasdair Roberts. Farbe und s/w, 93 min.

Roland Gaberz (Wien) studiert Objektbildhauerei an der Akademie der bildenden Künste Wien und produziert Musik und Remixe als Forever Traxx. Neben der Soundperformance am Eröffnungsabend zeigt Roland Gaberz Videoarbeiten, die als Teil seiner Musikproduktion entstanden sind. Sound-/Bildcollagen von Hyper­sanity (mit R.D. Laing gesprochen) unter Anwesenheit von Bodies und Befinden. (onlinetillforever.com)

Philipp Timischl (Wien) studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und HfbK Städelschule in Frankfurt und ist derzeit Stipendiat des Residency Programms der Sammlung Lenikus. Seine Arbeiten waren zuletzt in Ausstellungen u.a. in Kopenhagen, Oslo und Wien zu sehen. Die Elemente seines Video/Malerei-Diptychons im kunstraum verweisen auf sich wiederholende Behandlungs- und ­Problematisierungsfragen. Gemeinsam mit Daphne Ahlers betreiben Philipp Timischl und Roland Gaberz seit April 2012 den Ausstellungsraum Hinter Haus des Meeres – HHDM in Wien (hhdm.eu).


Anmerkung:

1 Christian Höller: «Die Methode Fowler» In: springerin, Antihumanismus, Band XIX, Heft 1, Winter 2013, S. 12–13.

 

Literatur:

Tobin Siebers, «Disability Aesthetics», ­Journal for Cultural and Religious Theory 7.2 (Spring/Summer 2006), www.jcrt.org

Hal Foster, «The Anti-Aesthetic, Essays on Postmodern Culture», The New Press New York, 1998

David Cooper, «The Grammar of Living», Pelican Books, 1976

Mareike Bernien & Kerstin Schroedinger, Dialogliste aus «Red, She Said …», mar-ker.tumblr.com

R.D. Laing, «Politics of Experience», ­Penguin Books, 1964